Meine Liebeserklärung an den Aletschwald

Ein Wald ÜBER einem Gletscher - kann das sein?

 

Ja, es kann.

 

Der Aletschwald im Wallis am Großen Aletschgletscher in der Schweiz zeigt, wie eindrucksvoll das geht. So schnell habe ich mich kaum in eine Landschaft verliebt. Doch mal von Anfang an.

 

Im März 2017 kam eine Einladung der Aletsch Arena, die mich für einen Workshop "Waldbaden" im Juli 2017 buchen wollten. Ich war sehr verwundert: "Waldbaden im Aletsch Gebiet?" Ich kannte den Begriff "Aletsch" nur im Zusammenhang mit dem Großen Aletschgletscher und mit viel Eis und Schnee. Und ziemlich ungemütlich für all diejenigen, die mit Wintersport und dem weißen Element nicht viel anzufangen wissen.

 

Zu meiner Beruhigung sollte das Waldbaden nicht auf dem Gletscher stattfinden, sondern in einem Wald - was beim Waldbaden ja auch Sinn macht - im Aletschwald.  Gehört hatte ich von ihm bisher noch nichts.

Ich war glücklich: ich sollte in die Schweiz kommen und "mein" Waldbaden zeigen - und das in einem Wald über einem Gletscher in über 2.000 Meter Höhe. Das musste ein besonderer Wald sein, war mir klar. Und von ihm handelt meine Liebeserklärung.

 

"Was wächst denn in einem Wald, der sich auf einer Höhe von über 2.000 Meter befindet?",

war meine erste Frage. Gibt es dort überhaupt stattliche Bäume unter denen wir Waldbaden können? Ja, gibt es. In der Hauptsache sind es wundervolle uralte Arven (oder wie man im Rest der Welt sagt; Zirben oder Zirbelkiefern). Sie machen etwa 63 % des Waldes aus. Hinzu kommen an lichten Stellen sonnenhungrige Lärchen. Nur ganz vereinzelt findet man auch einige Laubbäume: Birken, Alpenerlen und Vogelbeeren. Mystisch muten die Arven und Lärchen an, an deren Äste lange Fäden von Flechten herunterhängen, in einer Anzahl, die ich so noch nie gesehen habe. Sanft streiche ich darüber und fühle mich versetzt in eine andere Welt.

 

Hier scheint die Natur noch alles im Griff zu haben und nicht der Mensch. Nun ja, bei genauerem Hinsehen ist die Welt nicht ganz so heil. Ein großer Teil des seit 1933 unter Schutz stehenden Gebietes musste für Wanderer gesperrt werden - der Gletscher kommt immer mehr ins Schwitzen und verliert an Masse, so dass das Gebiet darüber ins Rutschen kommt. "Wie lange steht "mein" Wald noch?", kommt mir in den Sinn.

 

 

Doch halt, ich möchte mich jetzt lieber von der Schönheit gefangen nehmen lassen, und bummele weiter auf den verschlungenen Wegen an immer anders aussehenden Bäumen vorbei. Hier gleicht keiner dem anderen, wie es in den angepflanzten "Fichtenstangen-Wäldern" ist. Gerade nach oben wachsen die Fichten, so wie es für die Holzwirtschaft am besten ist. Den Arven und Lärchen hier wird jedoch nicht vom Mensch vorgeschrieben, wie sie zu wachsen haben. Sie würden es sich auch gar nicht gefallen lassen. Früher ja, da wurde dieser Wald ebenfalls vom Mensch bewirtschaftet. Doch seit 1933 darf er nun zu einem Urwald werden.

 

Arven wachsen überall - auf Steinen, Felsen, am Abhang . . .

Die Wurzeln der Arven krallen sich um Felsen und große Gesteine und bieten ihrem Baum eine Grundlage, die es sonst kaum im Naturreich gibt. Stürme und eisige Winde rütteln diese Bäume durch, Schnee beugt sie, Blitze spalten sie, doch sie bleiben stehen. Dicke aufgerissene Borke erzählt Geschichten, von denen wir nur ahnen können - 600 bis 800 Jahre alt sind diese Erzählungen. Ich werde ganz klein, angelehnt an die Stämme dieser Naturwunder. Klein ja, aber gut gehalten!

 

Während die Arven mit ihrer Knorrigkeit punkten, beeindrucken mich die Lärchen mit dem Umfang ihrer Stämme. Zu Hause kann ich eine Lärche locker umarmen - hier müssten meine Arme um viele Zentimeter zulegen, bis das ginge. Ich gehe die Wege öfters und immer bleibt mein Blick an den beiden unten zusammengewachsenen Lärchen hängen, die in ihrem Wurzelbereich einen gemütlichen Sitzplatz bilden, von dem ich jedes Mal magisch angezogen werde. So, zwischen den beiden Stämmen sitzend, träume ich mich ein bisschen weg in die Zeit, als diese beiden noch Keimlinge waren - sicher 500 bis 600 Jahre vor meiner Zeit.

Das heißt, dass ihre freundschaftliche Verbundenheit etwa begann, als Christoph Kolumbus Amerika entdeckte (1492).

Luther löste kurz darauf 1517 die Reformation aus - und schon erlebten die beiden die ersten Kriege in der Schweiz (die Kappelerkriege 1529 und 1531). Es sollten noch viele folgen. Die beiden Lärchen wuchsen weiter und hatten sicher andere "Sorgen" als die Menschen im Tal. Alle Wetter standen sie gemeinsam durch - über viele Jahrhunderte - und je länger ich zwischen den Lärchen auf ihren Wurzeln ruhe, um so mehr werde ich ein Teil dieser Lärchen, werde ich ein Teil der Natur.

 

Der Tannenhäher sorgt für Fortbestand der Arven

Ein Tannenhäher krächzt über mit. Er gilt hier als Polizei des Waldes, so wie bei mir zu Hause der Eichelhäher. Der Tannenhäher ist wichtig für den Fortbestand des Arvenwalds. Jedes Jahr im Herbst versteckt ein einzelner Tannenhäher bis zu 100.000

 

Arvennüsschen - so nennt man die Samen in den Zapfen der Arven - als Wintervorrat.

 

Circa 20 % davon findet der Tannenhäher jedoch nicht mehr - und das ist die Chance für den Arvenwald. Aus den kleinen Samen wachsen unendlich langsam oft auf Felsblöcken, großen Steinen oder an Böschungen (denn dorthin versteckt der Tannenhäher die Samen gerne) die widerstandsfähigen uralt werdenden Arven hervor. Langsam wachsen sie: ein Arvenbäumchen, das in 2.000 Meter Höhe wächst schafft in 10 Jahren oft nicht mehr als 10 Zentimeter. Die Arve ist jedoch geduldig und wächst weiter....sie braucht auch nicht so viel Licht. Und wächst deshalb sogar unter den Lärchen weiter.

 

Die "Fakten" sind wirklich erwähnenswert, und es gäbe noch viele aufzuzählen. Aber gerade beim Waldbaden lassen wir ja den Kopf mal ruhen. Wir genießen mit allen Sinnen, nehmen uns Zeit und tauchen einfach hinein in die wohltuende Atmosphäre des Waldes.

 

Klar können wir das überall machen - und am besten direkt bei uns zu Hause vor der Haustür. Doch diesen Arvenwald einmal zu erleben mit diesem unvergleichlichen Blick auf den Großen Aletschgletscher  und auf die hohen Berge ringsum, allen voran Eiger, Mönch und Jungfrau, ist eine Reise in die Schweiz wert.

 

Den Aletschwald sollte man wirklich einmal gesehen haben -

und diesen unvergleichlichen Blick auf den Großen Aletschgletscher

 

Ja, ich gebe es zu, ich habe mich in diese Landschaft verliebt. Denn sie ist eben nicht ausschließlich imposant, sondern sie hat auch diese lieblichen Ecken: dort, wo ich mich gemütlich auf eine Wurzel oder einen Stein setzen kann; dort, wo mir ein Baumstamm einen Rückhalt gibt oder dort, wo ich meine Wanderschuhe ausziehen und barfuß durchs feuchte Gras streifen kann.

 

Ich nehme den Duft der Arven mit nach Hause in den Taunus ... und erzähle meiner Lieblingsbuche beim nächsten Besuch mal etwas von der großen weiten Welt :)) 

 

Auskunft über Unterkünfte, Wanderungen, Erlebnisse sowohl im Sommer als auch im Winter auf der Riederalp und Bettmeralp findet ihr hier:

 

https://www.aletscharena.ch/

 

 

 

Alle Fotos meines heutigen Blogs hat mein Mann Manfred gemacht, der meinen Workshop begleitet hat - und sich mit mir in den Aletschwald verliebt hat :))

 

Manfred Bernjus / embe-Foto