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Waldbaden - neuer Wellness Trend oder altes Wissen? Die beiden Wurzeln des Waldbadens.

 

 

Waldbaden - inzwischen fast in aller Munde! Was es aber genau ist, ist dann doch nicht so klar.

Manchmal lese ich es so oder ähnlich: das ist ein neuer Wald-Wellnesstrend, der aus Japan kommt und sicher irgendwann wieder verpufft.

 

 

Ja, die Japaner haben am Waldbaden tatsächlich ihren Anteil. Ich sehe es aber noch ein bisschen anders:

 

Wenn ich von den Wurzeln des Waldbadens spreche, dann nenne ich immer zwei Wurzeln - die eine, die wissenschaftliche, wächst in Japan - die andere tief in uns drinnen.

 

Japanische Wissenschaftler haben den Namen gegeben. Dort machen die Menschen Shinrin Yoku, was übersetzt so viel heißt, wie "Baden in der Waldluft", oder eben Waldbaden. Die japanischen Wissenschaftler sind es auch, die den Anstoß gegeben haben, zu untersuchen, wie sich Aufenthalte in der Waldluft auf den menschlichen Körper auswirken. Und damit haben sie auch die Idee einer Waldtherapie und der Waldmedizin ins Leben gerufen. Japan hat eben auch wirklich sehr viel Wald - Japaner haben aber auch sehr viel Stress. Am 7.10.2017 schrieb der "Stern online" "Japan, eine Nation schuftet sich zu Tode". Das Wort Karoshi gibt es nur auf japanisch und heißt so viel wie "sich zu Tode arbeiten". Auch die Selbstmordrate wegen Überarbeitung ist enorm hoch: 2015 waren es 93 Selbstmorde und Suizidversuche, die "staatlich geprüft" mit einer zu hohen Arbeitsbelastung im Zusammenhang standen und weitere 2159 Fälle waren zumindest teilweise darauf zurückzuführen, schreibt der "Stern".

 

Japan sollte also dringend etwas tun für seine Menschen: Was lag und liegt also näher, als das Waldbaden als eine effektive Stressbewältigungsmethode ins Leben zu rufen und den Japanern das Waldbaden sozusagen von oben herab zu verordnen. So "verschrieben" gehen die Japaner nun auch in den Wald (was sie vorher nicht wirklich taten). Allerdings dann hauptsächlich in spezielle Heilwälder mit Therapiezentrum, Shinrin Yoku - Waldwegen, Restaurants . . . eben alles gut organisiert. Japaner sind da recht ordentlich.

 

 

Neben dieser äußeren, wissenschaftlichen Wurzel gibt es aber noch die andere. Die, die tief aus unserem Inneren kommt, und die beständig in uns wächst. Sie bleibt allerdings oft im Dunkeln verborgen. Oder wir müssen sie mühsam suchen.

 

Es ist das Waldbaden, das wir als Kinder schon machten, zumindest sofern wir als Kinder das Glück hatten, erstens in der Nähe eines Waldes aufzuwachsen, und zweitens wir auch hinein durften.

Dann sind wir als Kinder im nahe gelegenen Wald ganz und gar  eingetaucht: vertieft in unser Tun, bauten wir Staudämme an wilden kleinen Flüsschen, konstruierten mit Baumstämmen "Häuser", saßen stundenlang auf dem Waldboden und beobachteten Tiere, kochten Blättersuppe, kletterten auf Bäume . . . und wurden so richtig dreckig :)

 

Als Kinder waren wir vollkommen im "Flow", wie man heute so schön sagt.

 

Zeit und Raum vergessend nahmen wir ein "Bad im Wald".

 

Und nicht nur einmal erhielten wir von den Eltern eine Standpauke, weil wir zu spät nach Hause kamen. Es gab ja auch - zum Glück - keine Handys, mit denen uns Mütter oder Väter aus unserem Flow hätten reißen können. Die Standpauken nahmen wir gerne in Kauf und verabredeten uns gleich am nächsten Tag wieder bei der dicke Buche am Waldrand.

 

Und nicht nur einmal erhielten wir von den Eltern eine Standpauke, weil wir zu spät nach Hause kamen. Es gab ja auch - zum Glück - keine Handys, mit denen uns Mütter oder Väter aus unserem Flow hätten reißen können. Die Standpauken nahmen wir gerne in Kauf und verabredeten uns gleich am nächsten Tag wieder bei der dicke Buche am Waldrand.

 

Unsere Eltern schimpften im übrigen nur, weil wir nicht pünktlich zum Essen oder zum Hausaufgaben machen kamen. Sie fanden es nämlich noch ganz normal, dass wir im Wald spielten, was heute ja nicht mehr gang und gäbe ist.

 

Immer weiter entfernen wir uns von "unserer Natur".  Jahrtausende lebten wir im Einklang mit der Natur, und wir waren ein Teil von ihr. Wie kurz ist die Zeit, da wir sesshaft wurden - und noch viel kürzer erst die Zeit, da wir in Städten mitten in Beton und Stein leben.

 

Da verwundert es nicht, dass wir uns so heimisch fühlen, wenn wir in die Natur gehen.

 

Es verwundert aber auch nicht, dass manche erst einmal nicht so gerne tief in den Wald gehen, denn sie sind es einfach nicht gewohnt ohne Handyempfang zu "überleben". Trauen sie es sich dann doch mit anderen zusammen, empfinden sie die Schönheit und Erhabenheit der Wälder nicht mehr als fremd und bedrohlich. Ruhe und Gelassenheit breitet sich aus. Und irgendwo tief im Inneren die Gewissheit, dass der Mensch ohne Natur nicht leben kann.

 

So sehe ich die zweite Wurzel des Waldbadens: unsere angeborene Sehnsucht nach Wald, Natur und Natürlichkeit. Und im Grunde ist es die viel stärkere Wurzel von beiden.

 

Wir Menschen haben gerne Erklärungen, und erklärt uns ein Wissenschaftler, wie Waldbaden wirkt, dann finden wir das großartig. Dann können wir das ja mal tun. Waldbaden wir aber nur, weil es uns ein Wissenschaftler als gesund verkauft hat, so wird dieses Waldbad nie das Erleben sein, als wenn wir waldbaden aus tiefstem Inneren machen.

 

Wenn wir den Wald erfahren, erfühlt, gesehen, erlauscht, gerochen und geschmeckt haben, ja dann freuen wir uns auf unser nächstes Waldbad in Achtsamkeit und Einklang mit der Natur. Dann wird Waldbaden zu einer Praxis für uns, die wir nicht mehr missen wollen und die uns mehr gibt als nur Entspannung und ein gutes Immunsystem.

 

In der Natur draußen finden wir wieder unserer eigene innere Natur. Und das ist etwas, was über das Waldbad hinaus auch in unseren Alltag wirkt.

 

Meine Hoffnung ist, dass die Erwachsenen, die mit mir im Wald herumschlendern, ihre Erfahrungen an ihre Kinder und Enkelkinder weitergeben. Denn Kinder haben noch diesen natürlichen Drang, in den Wald zu gehen. Sie können uns Erwachsene noch zum Staunen bringen. Geht mit den Kindern in den Wald!!

 

Hindern wir unsere Kinder nicht länger daran - dann müssen sie sich den Wald und die Natur nicht als Erwachsene wieder schwierig zurückerobern.

 

 

 

 

Eure Annette

 

 

 

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